Vielleicht denkst du beim Lesen des Titels: "Das ist doch nichts für mich? Ich bin schon seit Jahren verheiratet, habe Kinder oder bin schon über 30." Trotzdem bitte ich dich, weiterzulesen. Denn der Mythos über das 'Jungfernhäutchen' ist eine der hartnäckigsten Fabeln über unseren Körper. Eine Fabel, die nicht nur beeinflusst hat, wie du dein 'erstes Mal' erlebt hast, sondern auch, wie wir unsere Kinder aufklären.
Es ist Zeit, eine alte Geschichte zu korrigieren. Für dich selbst, für deine Töchter und für eine gesunde Sicht auf Sexualität.
Gibt es das Jungfernhäutchen eigentlich?
Fallen wir gleich mit der Tür ins Haus: nein. Das Jungfernhäutchen, wie viele Leute glauben, dass es existiert (eine Membran, die die Vagina verschließt und beim ersten Mal 'reißt'), ist ein Märchen.*
Denk mal logisch darüber nach: Wenn es wirklich eine dichte Membran gäbe, wie könntest du dann menstruieren? Das Blut muss schließlich nach außen gelangen können.
Was wir 'Jungfernhäutchen' nennen, ist in Wirklichkeit der Hymen. Dies ist keine dichte Membran, sondern ein Geweberand um den Scheideneingang. Du kannst es mit einem 'Scrunchie' (einem dicken Haargummi) vergleichen: Es ist flexibel und dehnbar. Das Hymen 'reißt' oder 'bricht' also nicht beim ersten Sex; es dehnt sich einfach.
Warum dann Schmerz und Blut?
Viele von uns sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass das erste Mal weh tun muss und dass Blut der Beweis deiner Jungfräulichkeit ist. Dies ist vielleicht die schädlichste Fehleinschätzung, die es gibt.
Fakt: Wenn du ausreichend erregt und entspannt bist, muss das erste Mal Penetration nicht wehtun und du musst nicht bluten.
Blutungen beim ersten Mal kommen oft nicht von einem reißenden Häutchen, sondern von Eile und Anspannung.
- Zu wenig Erregung: Wenn du nicht erregt genug bist, produziert die Vagina nicht genug Flüssigkeit und dehnt sich nicht aus (der 'Zelt-Effekt').
- Anspannung: Wenn du Angst vor Schmerzen hast, spannst du unbewusst deine Beckenbodenmuskulatur an.
Wenn du dann doch versuchst, etwas einzuführen, entstehen kleine Risse in der Vaginalwand. Das ist es, was blutet und wehtut. Es ist also kein Zeichen von Jungfräulichkeit, sondern ein Zeichen, dass der Körper noch nicht bereit war.
Die Last von Religion und Kultur
Warum halten wir diese Geschichte trotzdem aufrecht? Leider spielen Kultur und Religion hier eine große Rolle. In vielen Kulturen und auch innerhalb von Teilen des Christentums wird dem 'Bluten in der Hochzeitsnacht' als Beweis der Reinheit großer Wert beigemessen (denk an Texte wie Deuteronomium 22).
Dies übt einen enormen Druck auf Frauen aus. Ich sehe leider immer noch viele Frauen, die unter Scham und Schuldgefühlen leiden. Vielleicht erkennst du das selbst: die Angst, etwas 'falsch' gemacht zu haben, oder die Enttäuschung, dass dein erstes Mal schmerzhaft und unangenehm statt schön war.
Lass uns eines klarstellen: Jungfräulichkeit ist nicht physisch nachweisbar. Selbst ein Arzt kann nicht sehen, ob jemand Sex hatte. Das Hymen kann bei dem einen von Natur aus etwas weiter und bei dem anderen enger sein. Selbst nach einer Geburt kann das Gewebe noch intakt sein.
Von Scham zu Genuss
Warum finde ich es so wichtig, dies mit euch zu teilen? Weil Gott unseren Körper gemacht hat, um zu genießen, nicht um zu leiden. Schmerz ist ein Signal des Körpers, das sagt: "Halt, stopp, ich bin noch nicht bereit."
Wenn wir unseren Töchtern (und Söhnen!) beibringen, dass Schmerz dazugehört, lehren wir sie eigentlich, über ihre eigenen Grenzen zu gehen. Lasst uns ihnen stattdessen beibringen, wie ihr Körper wirklich funktioniert:
- Dass Zeit und Geduld unerlässlich sind.
- Dass Gleitmittel kein überflüssiger Luxus ist.
- Dass Sex schön sein darf, vom allerersten Mal an.
Eine neue Botschaft
Vielleicht war dein Anfang nicht so, wie du es dir erhofft hattest. Vielleicht trägst du immer noch ein Stück unbewusster Scham mit dir herum. Wisse, dass du das loslassen darfst. Sexualität ist ein Lernprozess, keine Prüfung, die man auf Anhieb bestehen muss.
Lasst uns aufhören, falsche 'Wahrheiten' weiterzugeben. Lasst uns unseren Kindern erzählen, dass ihr Körper wunderschön und raffiniert aufgebaut ist. Damit sie (und du!) mit Vertrauen und Freude Intimität erleben können.
*Quelle: Seks, Rik van Lunzen und Ellen Laan
Sehtipp: Möchtest du mehr über das 'Hymen' erfahren? In diesem 'TEDx Talk' wird es sehr gut erklärt. Eine Empfehlung zum Anschauen: Video hier ansehen
Rede mit: Bist du mit der Vorstellung aufgewachsen, dass das erste Mal wehtun 'musste'? Und wie sprichst du darüber mit deinen Kindern? Teile deine Erfahrung (gerne anonym) unten.
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